Das Ende der Zukunft oder Die zweite Reformation

Sonntag, August 11th, 2019

Die Reformation öffnete die westliche Gesellschaft für den humanistischen Fortschritt, für die Aufklärung und für den freien Menschen. Die Säkularisierung bedeutete im Wesentlichen die Abkehr von dem jenseitigen Zukunftsversprechen der christlichen Religion: es wurde ersetzt durch das bürgerliche Zukunftsversprechen, dass die weltliche Zukunft ein Mehr an Wohlstand und Lebenserfüllung für das eigenen Leben und das der Töchter und Söhne bedeuten würde.

Ich denke, wir stehen heute an einer ähnlichen Wegmarke, da deutlich wird, dass auch die kapitalistische Religion, die auf die christliche folgte, ihr Zukunftsversprechen nicht einlösen kann. Die weltliche Zukunft führt nicht zu einem Mehr an Lebensqualität, sondern zwingt uns zu Verzicht und schmerzhaften Einschnitten in unser bequemes Leben: Ressourcenknappheit und Klimawandel zeigen uns, dass das diesseitige Zukunftsversprechen des Kapitalismus nicht weniger illusionär ist wie das jenseitige des Christentums.

Ich bin überzeugt, dass wir den Beginn eines längerwährenden Transformationsprozesses erleben, die den Menschen am Ende, so wie die erste Reformation, von der freiheitsberaubenden kapitalistischen Religion befreien muss. Denn auch eine diesseitige – „bessere“ – Zukunft bleibt eine Illusion.

Für Martin Heidegger war der Sinn unseres Seins die Zeitlichkeit: die Sorge des Menschen, dass heißt seine Interaktion mit der Welt, geschieht in der Zeitlichkeit, nicht in Abhängigkeit von einer objektiven Zeit. Auch für Friedrich Nietzsche war die „Zeit“ die Größe, in der sich menschliches Leben abspielt, jedoch nicht im Sinne einer messbaren Zeiteinheit, sondern im Sinne einer ewigen Wiederkehr, des ewigen Kreislaufs des weltlichen Lebens.

Eben dies müssen wir uns bewusst machen: unser – das ganz persönliche – Verhalten heute ist gleichbedeutend mit der Zukunft. Die Befreiung von quasi-religiösen Wachstums- und Freiheitsvorstellungen wird elementar sowohl für eine lebenswerte Zukunft wie für unser eigenes, gegenwärtiges Lebensglück.

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