Angst vor dem Klimawandel – oder vor Greta Thunberg? — Philosophisches Workout gegen Überforderung

Samstag, April 13th, 2019

Viel ist in dieser Zeit von der Spaltung der Gesellschaft die Rede. Besonders ausgeprägt scheint diese Spaltung bei den Themen des Zuzugs von Flüchtlingen nach Deutschland, und der voranschreitenden Klima-Erwärmung zu sein. Dabei sind diese Themen ja durchaus verknüpft: indem die Erderwärmung und der Anstieg des Meeresspiegels Menschen gerade in den ärmsten Regionen der Welt den Lebensraum entziehen wird, sind größere Flüchtlingsströme in der Zukunft vorprogrammiert.

Momentan scheinen wir vor der paradoxen Situation zu stehen, dass die Einen Angst vor den Auswirkungen des Klimawandels haben, während die Anderen gerade im Gegenteil Angst davor haben, dass sich ihr Leben zum negativen verändern würde, würden sich die protestierenden Jugendlichen mit ihren Forderungen nach drastischeren Maßnahmen gegen den CO2-Ausstoß durchsetzen.

Um diese Lage besser einordnen zu können, sollte man sich vergegenwärtigen, dass solche Umbruchsituationen in der Menschheitsgeschichte keineswegs neu sind. Im Gegenteil: so weit wir die Geschichtsschreibung zurückverfolgen, so deutlich lassen sich zwei Konstanten menschlichen Lebens identifizieren:

Erstens, scheint ein wesentliches Merkmal menschlicher Existenz die Tatsache der Überforderung zu sein. Sei es der prähistorische Mensch, der den Naturgewalten ausgeliefert war, seien es menschengemachte weltliche Umbrüche wie die Völkerwanderungen oder neuzeitliche Phänomene wie Seuchen und Krankheiten oder Ressourcenknappheit.

Zweitens haben Menschen schon immer mit zwei fundamental unterschiedlichen Strategien auf diese Überforderung reagiert: der Mensch kann überfordernde Phänomene entweder ignorieren, also so tun, als gäbe es sie nicht; oder er kann sich diesen Entwicklungen aussetzen und sich mit ihnen beschäftigen.

Dabei soll es hier nicht um die gesellschaftliche Beurteilung beider Reaktionsweisen gehen, sondern vielmehr um die persönliche Perspektive: was macht die eine oder die andere Reaktionsweise mit mir? – Zumal diese Handlungsalternativen nicht nur für die großen gesellschaftlichen Zeitfragen, sondern praktisch für jedes individuelle Schicksal Gültigkeit haben. Und so lässt sich feststellen, dass uns die (nur) die zweite Reaktion zu persönlichem Wachstum verhelfen kann: nur wenn wir uns neuen Entwicklungen, ja: auch der Überforderung aussetzen, haben wir die Chance auf Persönlichkeitswandel. Das ist gut für jede/n Einzelne/n, weil nur durch Anpassung an sich ändernde Lebensumstände das eigene Leben ein gutes bleibt. Und es ist darüber hinaus essenziell für die Gesellschaft, denn wir können aus der Menschheitsgeschichte lernen, dass genau die Gesellschaften eine Hochkultur geschaffen haben, in der es einen ausreichend großen Anteil an Individuen gab, die sich diesem Stress des inneren Wachstums ausgesetzt haben.

Philosophische Reflexion nimmt in diesem Zusammenhang die Rolle eines geistigen Workouts ein: durch eine Betrachtung von Themen, die Gefühl und Verstand gleichermaßen einschließt, entwickelt unser Geist eine Stärke und Flexibilität, die uns ohne Angst neuen Herausforderungen gegenübertreten lässt.

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